Aus dem Leben eines Astrologen

1 Tag zuvor

Der Astrologe lag auf dem Sofa, das ihm als Bett diente. Der Astrologe schlief aber nicht, er dachte. Er dachte an die Planeten. An die Planeten dachte er! Neben seinem Kopf leuchtete sein Mobiltelefon, dessen Wecker er auf 23.19 gestellt hatte, weil er dann duschen und an die Arbeit gehen wollte. Der Astrologe arbeitete nachts. Man könne die Planeten nur in der Nacht betrachten, sagte er den Leuten, wenn sie meinten, Nachtarbeit sei ungesund. Gestern Nacht hatte er einem zufälligen Passanten auf der Strasse den Jupiter gezeigt. Und vor einigen Tagen den Mars und den Saturn einem Kind. Das wollte dann wissen, ob es auf dem Mars auch Dinosaurier gegeben habe.

Um 22.15 betrat Aries die Wohnung und knipste das Licht an. Der Astrologe tat so, als ob er schliefe. Er lag da und hörte Aries in der Wohnung auf seinen Gummisandalen herumschlurfen. Jetzt wird er gleich die Dusche aufdrehen, dachte der Astrologe. Im Badzimmer fing das Wasser zu rauschen an. Jetzt wird er gleich eine neue Variante seiner Schnulze singen. Aries begann mit seinem Gesang. Aus dem offenen Badzimmer roch es süsslich nach Shampoo. Einmal ging der Astrologe zum Badezimmer und fragte Aries, der vor dem Spiegel gerade seinen braungebrannten Körper balsamierte, nach seinem Sternzeichen. Ohne den Blick vom Spiegel zu wenden, antwortete Aries, er habe keine Ahnung, und zupfte an seinen Haaren herum. Schweigen. Der Astrologe insistierte und fragte, wann er geboren sei. Aries stockte einen Moment, dann hob er das Kinn, um es von unten zu betrachten und erklärte dabei, er sei Widder. So kam Aries zu seinem Namen.

Der Astrologe hatte sich mittlerweile auf seinem Sofa aufgerichtet, mit dem Rücken zur Wand. Er betrachtete das Bett von Ibn ‘Arabī an der gegenüberliegenden Wand des Raums. Das Bett war leer. Ibn ‘Arabī war weg. Am Abend des Tags, als seine Mutter und sein Bruder tödlich verünglückt waren, betrat er wortlos die Wohnung. Sonst begrüsste er den Astrologen, der meist auf dem Sofa die Ephemeriden studierte, mit muselmanischer Herzlichkeit. Er stand jeweils breitbeinig da und sagte: Trabajar – trabajar. Das klang wie ein Mantra. Aber an jenem Abend sagte er nichts. Er ging zum Bett, setzte sich kurz und legte sich dann hin. Die Koffer waren gepackt. Der Astrologe gab Ibn ‘Arabī die Hand zum Abschied. Er wird nicht wiederkehren, sagte man später, denn er selbst habe darauf hingewiesen, dass man das Land verlassen soll, das einen unglücklich mache, wie es im Buch stehe. Jetzt war das Bett leer.

Ibn 'Arabī war weg.
Ibn 'Arabī war weg.

Einmal setzte sich eines von Aries Mädchen auf das verwaiste Bett und wartete auf den Lover, der unter der Dusche sang. Der Astrologe lag auf dem Sofa, begrüsste das Mädchen, ein deutsches, mit einer kurzen Geste und das Mädchen erwiderte die Begrüssung mit einem verlegenen Lächeln. Es hatte wohl keinen alten, weissbärtigen Mann erwartet, der auf einem Sofa an die Decke starrt, als es mit dem Lover den Raum betrat. Das Mädchen sass schweigend auf dem leeren Bett und schaute zum Astrologen hinüber. Dieser dachte gerade an Saturn, ja er dachte Saturn selbst. Er war Saturn. Um ihn wehte der Schleier der Wehmut, wie die Dichter sagen. Er wandte sich dem Mädchen zu und sprach vom Rhein, seiner Jugend in Bingen, vom Fall der Mauer, der deutschen Schuld. Das Mädchen sagte immer: … oh … . Als Aries aus dem Badezimmer schlurfte, schaute es auf seinen Hintern. Was macht den Geck nur so attraktiv, fragte sich der Astrologe und unterbrach seinen Monolog über die Loreley.

Um 22.45 betrat Spica der Indianer die Wohnung. Er hatte wieder Lebensmittel geraubt und verstaute sie gerade geräuschvoll im Kühlschrank, als ihn der Astrolog vom Sofa aus darauf hinwies, dass sein Fleisch im Kühlschrank vergammle. Spica antwortete nichts. Er hatte tagelang nichts mit dem Astrologen geredet. Der Astrologe war für ihn ein Hexer. Er duckte sich, ging in sein Zimmer. Er hatte am Nachmitag eine volle Bierflasche vor dem Bett des Astrologen, also im Wohnzimmer, zerschlagen. Dabei war die Lache unter das Sofa des Astrologen geronnen und hatte dort dessen Bücher getränkt, unter anderem eines, das ihm Ibn ‘Arabī zum Abschied geschenkte hatte, eine Schrift von Ad-Darqawi. Der Astrologe wusste vom Bier unter seinem Sofa noch nichts. Was ihn ärgerte, war der unansehnliche Haufen von Fleisch im Kühlschrank. Spica kehrte aus dem Zimmer zurück und packte das Fleisch in einen Abfallsack. Dann kam er zum Astrologen ans Sofa, setzte sich ganz dicht neben ihn und streckte ihm die Hand zur Versöhnung entgegen. Sie alle, der Astrologe, Aries und er, seien doch eine Familie. Seine säuselnde Stimme war klebrig, unterwürfig. Es roch aus der Küche nach verbranntem Knoblauch. Spica sass da, wippte seinen Oberkörper auf dem Sofa und streckte nun dem Astrologen mit einem irren Lachen den Kopfhörer hin. Es sei der der gute alte gute Rock von Status Quo, lispelte Spica der Indianer, und wollte den Astrologen an seiner Nostalgie teilhaben lassen. Später stellte er ein Glas lauwarmes Bier neben das Sofa des Astrologen, obwohl der gar nicht wollte, wie er sagte. Als er dennoch das Glas zum Mund führte und daran nippte, grinste Spica, stand auf und brüstete sich, dass auch er ein señor sei, denn er sei fast so alt wie der Astrologe. Der lachte erschöpft und sagte: escorpión. Da kam Aries in einem seiner straffen Slips herangeschlurft und Spica warf sich ihm an die Brust, umarmte ihn und rief theatralisch auf zur Eintracht. Dabei schaute Aries desinteressiert über Spicas Kopf hinweg wie ein selbstverliebter Halbgott.

Um 23.32 verliess der Astrologe die Wohnung und ging in die Stadt hinunter. Dort betrat er ein Cybercafe und schrieb die Wochenvorschau für Madame Sosostris. Dann stand er auf, rückte den Stuhl zurecht, verliess das Lokal und schritt in die Nacht hinein, dorthin, wo ES ihn befahl.

Holger S.-Fuß

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Die Rede vom Wassermannzeitalter

22 Tage zuvor

In meiner Internet-Recherche zum “Wassermannzeitalter” stiess ich auf folgenden Satz:

Wir erleben heute den katastrophalen Übergang des Fische-Zeitalters zum Wassermann-Zeitalter, den Untergang des Abendlandes und Aufstieg der neuen atlantischen Welt.

Wer diesen Satz liest, wird ihn wahrscheinlich dem Umfeld des so genannten New Age zuordnen. New Age — wir erinnern uns — wird allgemein seit den 80ern jene inhaltlich breitgefächerte, “alternative”, aber im Kern esoterische Bewegung genannt, die vor dem Hintergrund der atomaren Bedrohung des Kalten Krieges ihren Anfang nahm. Mit der New-Age-Bewegung geriet der bis dahin esoterisch-okkulte Diskurs um das Wassermannzeitalter an eine breite Öffentlichkeit, zuerst mit dem bekannten Hit aus dem Musical Hair und später dann auch mit dem Bestseller von Marilyn Ferguson, The Aquarian Conspiracy. Dieser Diskurs machte das eigentliche Herz der New-Age-Bewegung aus; sie wäre ohne die identifikatorische Kraft der Idee eines neuen Weltzeitalters ein heterogenes Gemisch von kulturellen, politischen und religiösen Reformbewegungen geblieben.

Der anfangs zitierte Satz stammt jedoch aus aus der Zeit der Weimarer Republik. Hitler stand kurz vor der Machtergreifung und Autoren “ariosophischer” Provenienz lieferten ihm in ihren Büchern den okkulten Rahmen für sein weltgeschichtliches Abenteuer. Das zyklische Geschichtsmodell Oswald Spenglers in Der Untergang des Abendlandes (1922) bot sich in geradezu idealer Weise dafür an, die “abendländische Kultur und Zivilisation” mit dem “Fisch-Zeitalter” in Verbindung zu bringen und den Beginn des “Wassermann-Zeitalters” als Wiege einer neuen Kultureinheit zu betrachten (und als Rechtfertigung einer Ideologie zu gebrauchen). Wenn man weiter liest wird die Linie der Argumentation klar.

Das sterbende Abendland abzubauen, ist die Bestimmung des dritten Reiches. Die Gestaltung des neuen atlantischen Kulturreiches im Wassermann-Äon wird Aufgabe des vierten Reiches sein.1

Es geht mir jetzt aber nicht darum, zwischen den okkulten Randerscheinungen des Nationalsozialismus und dem esoterischen Hintergrund des New Age irgendwelche ideele Verbindungen zu ziehen. Mir ist lediglich daran zu zeigen, wie die Rede vom Wassermannzeitalter immer auch eine Rede von der Zukunft des Menschen ist und wie leicht man in die ideologische Falle fragwürdiger Zukunftvisionen geraten kann.

Da die Debatte zum Wassermannzeitalter prinzipiell eine astrologische ist, ist damit natürlich die Astrologie in ihrer Prognostik angesprochen. Es ist bezeichnend, wie die Astrologen der New-Age-Bewegung (z.B. Sakoian und Acker) die Deutung der transsaturnischen Planeten ganz an einer Zukunft orientierten, die vom jugendlichen Geist des Aufbruchs der “goldenen Sechziger” bestimmt war (“neue Religiosität” mit Neptun im Fische, “neue Gesellschaft”, “neuer Mensch” mit Pluto im Wassermann etc.). Der Widerhall dieser grundsätzlich optimistischen Weltanschauung findet sich heute in unzähligen Websites zum Thema „Wassermanzeitalter“. Allerdings erschöpfen sich diese meistens im arglosen Gebrauch revolutionärer Klischees. Es werden weltumspannende, freiheitliche Gedanken, Visionen, Aufbruch, Erneuerung prognostiziert, oder man liest von Opferlämmern der Fischzeit aus denen zukunftsorientierte Freidenker werden. Da die Prognose (im Gegensatz zur Prophetie) nicht ohne den vergleichenden Rückgriff auf vergangenes Geschehen auskommt, werden kulturhistorische Anhaltspunkte benötigt, die gleichsam als Wegmarken dienen sollen. Mitunter wird auch die Begrifflichkeit der alten Zeit für die neue Zeit umgedeutet. Das wird besonders da offenbar, wo das “Ende des Fischezeitalter” mit dem “Ende des Christentums” gleichgesetzt und das überlieferte eschatologische Vokabular (“Reich”, “Neue Erde”, “Wiederkunft”) dieser Religion weiter verwendet wird.2

Worum geht es aber eigentlich in der Rede vom Wassermannzeitalter?

Offenbar ist da in erster Linie der Übergang von einem Zeitalter in ein anderes gemeint. Dieser Übergang ist von “kosmologischer” Dimenson, da er sich auf dem theoretischen Hintergrund der astronomischen Präzession abspielt. Mit der Präzession, dem Fortrücken des Frühlingspunktes auf dem Zodiakus um ein Grad in 72 Jahren (also 2160 Jahre in einem zwölften Teil seines vollen Umlaufs), wird eine Zeitaltertheorie verknüpft, deren Ursprung mit Sicherheit vor der Zeit des New Age anzusetzen ist, wie wir oben gesehen haben. Ihre eigentliche Herkunft ist nichtsdestoweniger ungeklärt. Offenbar ist das Wissen um die Präzession in die Rechnungsverfahren antiker (babylonischer, indischer, chinesischer und mexikanischer) Weltaltervorstellungen eingeflossen3, aber nichts deutet darauf hin, dass es jemals eine aus der Präzession hergeleitete zodiakale Weltaltertlehre gegeben hätte, geschweige denn eine solche religiös oder politisch instrumentalisiert worden wäre, wie dies – relativ – unlängst geschah.4 Mit grosser Wahrscheinlichkeit geht die Theorie der zodiakalen Weltalter nicht weiter zurück als ins späte 19. Jarhundert und findet die ideele Grundlage in der synkretistischen Weltanschauung der Theosophischen Gesellschaft.

Mit der Theosophie Blavatskys entstand eine moderne Richtung der Esoterik, die einerseits dem positivistischen Geist des 19. Jahrhunderts entsprechend die “Wahrheit” über die “Religion” stellte (“There is no religion higher than truth.”) und andererseits dem philosophischen Materialismus der Epoche einen dezidierten Spiritualismus entgegensetzte. Hinzu kommt der grosse Einfluss, den die neu entdeckte naturwissenschaftliche Evolutionstheorie auf das Werk von Blavatsky und auf die ihr folgenden Schulen ausübte (gerade auch solcher der Astrologie ). Man kann sagen, dass der spirituell aufbereitete kosmologische Evolutionsgedanke das sine qua non ihrer Esoterik ausmacht, ihr eigentlicher Ausgangspunkt ist. Damit aber wurde ein Schisma in der Esoterik vollzogen. Denn für die traditionelle Esoterik ist die Welt immer eine Welt im “Fall”.

Dieses Schisma in der Esoterik des 19. Jahrhunderts widerspiegelt nichts anderes als den tiefen weltanschaulichen Riss, der Wissenschaft und Religion seither trennt und die Geistsphäre der Menschheit in zwei scheinbar entgegengesetzte Lager spaltet: die einen sehen im Zustand der Erde eine “organische Krise der Evolution”, ein naturhaftes Geschehen, das der Mensch beherrschen kann, – wenn er will5 –, die anderen sehen in diesem Zustand eine “Tragödie”.6

Aufwärts oder hinab!

Bei der Rede vom Wassermannzeitalter geht es letzlich um eine Standortsbestimmung des Menschen. Die Linearität der geschichtlichen Zeit soll mit einer auf astrologischen Prämissen basierenden Weltzeitalterlehre in Einklang gebracht werden. Dem “Schrecken der Geschichte” (Eliade) wird ein kollektives „kosmisches Bewusstsein“ entgegengesetzt, das historisch Einmalige ins Archetypische übertragen und darin aufgehoben.7

1 Strückmann, Hitler und die Kommenden, zitiert aus der Stern des Abgrundes p.33

2 www.sungaya.de, www.philognosie.net usw.

3 René Guénon macht im ersten Kapitel seines kleinen, aber in seinem Gesamtoeuvre nicht unbedeutenden Schrift Formes traditionnelles et cycles cosmiques (S.22f) darauf aufmerksam, dass die traditionell überlieferten Jahrzahlen der indischen Weltzeitalter (Yugas) am Zeitkreis der Präzession abgeglichen werden müssen, um ihre wirkliche Dauer zu ermitteln.

4 vgl. Stuckrad, Geschichte der Astrologie. Der Versuch den Mithras-Kult mit der zodiakalen Weltalterlehre in Verbindung zu bringen, wird von ihm widerlegt.

5 Es ist gerade dieses “Wenn”, “die Ungewissheit, ob die Möglichkeiten wohl tatsächlich genutzt und realisiert werden”, was die Evolution von der Geschichte unterscheidet. “Was aber wirklich geschieht und in Zukunft geschehen wird – das entscheidet sich nicht auf dem Feld der Evolution sondern auf dem Feld der Geschichte” (Pieper, Josef: Hoffnung und Geschichte, München 1967, S.44)

6 In seiner “Meditation” zur Tarotkarte des Schicksalsrades spricht Valentin Tomberg von den zwei Weisen, das Phänomen der Evolution zu begreifen: “Man sieht sie als ‘natürlichen Vorgang’, wenn man sie mit dem Auge des Passagiers betrachtet, während man sie als ‘Tragödie und Drama’ sieht, wenn man sie mit dem Auge eines Besatzungsmitglieds betrachtet . … Wir sind hier beim Kern des Problems ‘Esoterik-Exoterik’ angekommen. Die Exoterik lebt in ‘Prozessen’, die Esoterik in … Trägodien und Dramen. Die alten Mysterien waren Tragödien und Dramen – darin zeigt sich ihr esoterischer Charakter”. — “Die exoterisch verstandene Evolution ist ein kosmischer Prozess – ob biologisch oder geistig ist unwichtig –, während sie esoterisch verstanden ein Drama oder ein Mysterium ist im Sinne der Mysterien der Antike. Und nur für die so verstandene Evolution werden die Ideen von Sündenfall, Verdammnis, Erlösung und Heil nicht nur annehmbar, sonder sogar notwendig”. (Die grossen Arkana des Tarot, Freiburg, 1983)

7 Hier setzt neuerdings der mundanastrologische Diskurs eines Richard Taras (Cosmos and Psyche) an, der überzeugt davon ist, dass der Mensch – “klug wie die Schlange” – mit einer profunden Deutung der transsaturnischen Planeten in der Lage ist, bewusster am evolutiven Geschehen d.h. an der der “schöpferischen “Intelligenz”” (“creative intelligence“) des Universums teilzuhaben.

Sunfoot

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Mein Sonnenquadrat

64 Tage zuvor

Obwohl meine persönliche Sonne zu anderen Planeten tatsächlich im Quadrat steht, geht es hier nicht um diesen meinen astrologischen Aspekt, — zumindest nicht explizit —, denn ich meine mit “Sonnenquadrat” ein Bild, das ich als Künstler und homo magus malte.
Wie ich bereits im letzten Beitrag schrieb, trieb mich vor Jahren ein gestalterischer Wille dazu an, mich mit magischen Quadraten zu beschäftigen. Dabei benutzte ich diese zunächst so, wie das seit der Blütezeit der Magie in der Renaissance gemacht wird: ich wandelte die Zahlenanordnungen nach bestimmten Methoden in runenhafte Zeichen um, in die sogenannten “Siegel”. Das Spielfeld an Kombinationsmöglichkeiten war unbegrenzt.1

Die sieben von Agrippa von Nettesheim in seinem Werk De occulta philosophia überlieferten planetarischen Quadrate sind indes nicht einfach nur Grundlage der Renaissance-Magie und Hexerei. Auch wenn über ihre Entstehungsgeschichte wenig verlässliches zu finden ist, so ist es offenbar, dass sie auch und vor allem auf tradierte kosmologische Vorstellungen verweisen und im besonderen auf jenen Bereich traditioneller Symbolik, der als “heilige Geometrie” (Sacred Geometry) bekannt ist. Es ist dies die pythagoräisch-platonische Anschauung, dass sich die Ordnung des Raums in der Zahlenwelt spiegelt, diese gleichsam sein Wesen ausmacht. Als ein harmonisch ineinander verflochtenes Ganzes ist der Kosmos ein heiliger Raum, in seiner arithmetischen Orientierung selbst ein templum, das an die grundsätzlich gute Schöpfung des “Weltbaumeisters” (⇰ Demiurgen) erinnert.
Vermutlich kamen die magischen Quadrate über die islamische Kultur zu uns. Um das Jahr 1200 christlicher Zeitrechnung herum soll ein arabischer Mathematiker namens Al-Buni bereits mystische Ueberlegungen zu ihnen angestellt haben.2 Ich habe im letzten Beitrag angedeutet, dass die sieben astrologischen Quadrate mit den mittelalterlichen Sphärenhimmeln in Bezug stehen.3 Auch diese Vorstellung dürfte über die arabische Kultur in die Gedankenwelt des Abendlands eingedrungen sein.

Ein bedeutenden Hinweis, dass die sieben planetarischen Quadrate zumindest im islamischen Kutlurbereich im eigentlichen Sinn zur heiligen Geometrie und nicht zur Magie zählten, fand ich damals in Islamic Patterns von Keith Critchlow. Critchlow, der zuerst mit Order in Space eine illustrative Arbeit zu den platonischen Körpern geschrieben bzw. gezeichnet hatte, untersuchte darauf die Geometrie der islamischen Ornamentik und setzte sie in Bezug zu esoterischen und metaphysischen Prinzipien. Wenn ich Critchlow recht verstanden habe, so sind die magischen Quadrate, die er alle sieben abbildet, implizit in der islamischen Ornamentik vorhanden, ihre Gesetzmässigkeiten in ihr eingeflossen. Mit anderen Worten: in guter Ornamentik steckt die die Logik des Kosmos, so wie im Kosmos eine göttlich ausgeklügelte Ornamentik steckt, wie im Reigen der Gestirne.

Felix von Felanitx, Sonnenquadrat, 1985 ((by) courtesy of
"Sonnenquadrat", 1985, Öl und Acryl auf Papier (Foto: Simone Kappeler)

Mein Sonnenquadrat ist eine Synthese von Magie und Ornamentik. Es hing im Winter 1985 —es waren die Jahre des “Neo-Geo“— in einer Gruppenausstellung von Innerschweizer Künstlern im alten Luzerner Kunsthaus neben bzw. über den Werken von Walker, Winnewisser, Rütimann und wie sie alle hiessen und immer noch heissen. Warum ich als Unbekannter aus dem fernen Zürich damals von der Jury überhaupt zur Ausstellung zugelassen wurde, mag durchaus mit der magischen Wirkung des Bildes zusammenhängen, ein kleines Papierbündel, das sich auseinandergefaltet als grossformatige Zeichnung oder Malerei erwies.4

1 G.R. Hocke zeigt in seinen Arbeiten, besonders in Die Welt als Labyrinth, wie die Zahlenmagie als ein typischer Ausdruck des neuzeitlichen Manierismus ein verzweifeltes und oft abstruses Suchen nach dem verborgenen Gott ist; man versucht die Tiefe des Seins zu entschlüsseln und verschlüsselt dabei um so mehr seinen Zugang. Das entspricht meiner Erfahrung. Wie weit Astrologie und Manierismus (nach Hockes Konzeption) einhergehen, steht offen.

2 Mark Swaney on the History of Magic Squares

3 Wie Keplers das Modell des Sonnensystems in seinem Mysterium cosmographicum als eine Folge verschachtelter platonischer Körper darstellt, könnnten wir die Quadrate ineinander setzen – _quadratus in centro quadrati_– und bekommen so eine konzentrische Abstufung und Verdichtung der Quadrate zum Zentrum hin.

4 Vielleicht wäre das Bild gekauft worden, damals, wenn ich es um entscheidende 2 Schweizerfranken günstiger angepriesen hätte. Zahlenmagie! (Es ist übrigens noch zu kaufen, wer sich interessiert; hinterlasse hier eine Nachricht.)

Sunfoot

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Ein Saturnsiegel

70 Tage zuvor

Irgendwann anfangs der 80er Jahre wurde mir in der thurgauischen Kantonsbibliothek von Frauenfeld ein grossformatiger Lederband mit schweren Buchdeckeln ausgeliehen. Es war ein Buch von Agrippa von Nettesheim (1486-1535), sein auf lateinisch verfasstes Kompendium neuzeitlicher Magie, De Occulta Philosophia. Auf dem Xerox-Apparat vor dem Lesesaal kopierte ich dann mit bibliothekarischer Erlaubnis die Seite, auf denen sich die Holzschnitte mit den magischen Quadraten befand.

Vom modernen Standpunkt aus betrachtet, ist ein magisches Quadrat eine Anordnung von ganzen Zahlen in einem Quadrat, so dass die Summen über die Zeilen, Spalten und Diagonalen gleich sind. Ein Zahlenspiel.1

Für Agrippa aber —er wäre kein Vertreter der magia— haben diese Anordnungen der Zahlen einen versteckten Sinn und die Zahlen selbst ein eigenes Wesen.
Er bildet in seinem Magischen Werk sieben verschiedene Tafeln ab (je mit Zahlen und hebräischen Lettern) und weist die kleinste davon mit 3 mal 3 Zahlen, dem Planeten Saturn zu und die grösste, ein sogenanntes magisches Quadrat der 9. Ordnung, also mit 9 mal 9 Zahlen, dem Mond. Dazwischen stehen Mars, Jupiter, Sonne, Venus und Merkur.

Agrippa von Nettesheim hat sich den astrologischen Zusammenhang der sieben magischen Quadrate nicht aus den Fingern gesogen, denn es liegt nahe, dass seine magischen Quadrate in einem bestimmten — noch zu klärenden — Verhältnis zu der Vorstellung der Himmelsphären stehen, die bis zur kopernikanischen Wende der Neuzeit einen festen Platz in der christlichen und islamischen Kosmologie hatte.
Man könnte sich fragen, ob Agrippa bei der Anordnung der Zahlen in den verschiedenen Quadraten auch auf eine mittelalterliche Tradition zurückgreift, denn die Kombinationsmöglichkeiten der Quadrate der oberen Ordnung sind immens, und ausgeknobelt dürfte der junge Agrippa sie wohl kaum haben. Woher stammen sie also? (Um Hinweise bin ich dankbar!)

Saturnquadrat

Beim kleinsten Quadrat, das Agrippa dem Saturn zuordnet, wird die Frage nach der Herkunft der Anordnung jedoch irrelevant, da diese sozusagen in ihm selbst gründet, wobei die Zahl 5, bei allen möglichen Spiegelungen und Drehungen der anderen Zahlen, in der Mitte ihren eindeutigen Platz hat.

Interessanterweise feiert dieses Quadrat hier im Westen, im Zusammenhang mit der fennöstlichen Kunst der Geomantie (Feng-Shui), fröhliche Urständ. Denn unser Saturnquadrat entspricht in der chinesischen (taoistischen) Überlieferung dem Lo-Shu-Quadrat, das dem Reichsgründer Yu auf dem Rücken einer Schildkröte zugetragen wurde und zu den neun Provinzen des Reichs der Mitte geführt hat. Die Anordnung der Zahlen ist dieselbe: die geraden (statischen) befinden sich in den Eckpunkten des Quadrats und die ungeraden (dynamischen) in der Mitte der vier Seiten, ein Kreuz bildend, wobei die 5, wie oben angesprochen, im Mittelpunkt steht. Für eine Kultur, die dieses Quadrat als Ausgangspunkt nimmt, ist die 5 denn auch die eigentliche Universalzahl, man denke an den Vorrang der fünf Elemente in der chinesischen Kultur, ihre pentatonische Musik … Genaugenommen ist das “Reich der Mitte” nur die “innere” Provinz, in deren Mitte wiederum selbst der Palast des Kaisers als Sohn des “Himmels” und als Sohn der “Erde” steht. In der abendländischen Tradition gemeinhin als “Zahl des Menschen” bezeichnet, ist die Zahl 5 von ihrer Stellung in der Mitte des Kreuzes ausgehend auch die “zentrale” Zahl der “Erde”.2

Saturnsiegel
Ein magisches(!) Saturnsiegel

Damals aber in der Bibliothek ging ich weniger aus einem wissenschaftlich-theoretischen als vielmehr künstlerisch-gestalterischen Interesse an die magischen Quadrate heran. Ich wiederholte (mit der Hilfe meiner damaligen Freundin), was schon Agrippa mit den Quadraten getan hatte und zeichnete alle möglichen Verbindungen zwischen den Zahlen, so dass eigenartige Gitter und Zeichen enstanden, ungefähr so, wie das Agrippa von Nettesheim getan haben musste oder vor ihm getan worden war. Seine Betrachtung der Quadrate war “magisch” in dem Sinne, dass er aus den Zahlen sogenannte “Siegel” (Sigillen) zog, die für operative Zwecke verwendet werden konnten (Beschwörung, Talismane etc.).
Durch die Verbindung aller Zahlen im Saturnquadrat entsteht zum Beispiel ein typischer Saturnsiegel, dessen Form hier, mit dem Adobe-Illustrator farbig bearbeitet, im Verhältnis zu den kruden und etwas unheimlichen Holzschnitten in Agrippas Buch plakativ und harmlos zu sein scheint (die magische Kraft dahinter aber wohl die gleiche geblieben ist).

1 zum mathematischen Aspekt der magischen Quadrate siehe www.magic-squares.de

2 Zur taoistischen Dreiheit “Himmel-Erde-Mensch” und die Rolle der Zahl 5 siehe: René Guénon: La grande Triade Paris, 1957.

Sunfoot

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Das Faivre-Paradigma und die Astrologie (2)

79 Tage zuvor

Die Ideenwelt der Esoterik lässt sich auf bestimmte Kriterien reduzieren und mit diesen von theologischen, wissenschaftlichen, mystischen und anderen Ideenwelten oder – genauer gesagt – Denkformen abgrenzen. Natürlich ist eine solche Unterscheidung nicht immer klar und eindeutig und hat, wie Faivre sagt, vor allem einen “praktischen Wert”. Es ist dies ein Richtwert, mit dem der Begriff “Esoterik” empirisch angegangen werden kann, um ihn angemessener zu gebrauchen und nicht mit “einem spirituellen oder semantischen Gehalt zu befrachten, den er an sich nicht hat”. Da ich davon ausgehe, dass die Astrologie in erster Linie als hermetisch-esoterische Disziplin betrachtet werden muss, sollten die Faivre’schen Kriterien auch auf sie angewandt werden können.

Im letzten Post wies ich auf die Bedeutung hin, die das Prinzip der Analogie für die Astrologie hat: Die Sprache der Astrologie als Sprache des Unus Mundus, die das “Wunder der Einheit”; möglich macht.

Im zweiten Punkt des Faivre’schen Paradigmas – “lebende Natur” (nature vivante) – legt Faivre ein Schwergewicht auf den Begriff der Magie als “Idee einer Natur, die in all ihren Teilen als wesentlich lebendig angesehen, erkannt und erfahren wird”

Der Gedanke, dass Astrologie und Magie miteinander in Zusammenhang stehen könnten, mag zunächst irritieren, da die Magie gemeinhin mit Talismanen, Ritualen, Beschwörungsformeln, ja sogar mit Hexerei assoziert wird. Tatsächlich besteht zwischen der Magie als einer operativen “Anwendung” von Kräften und der Astrologie als divinatorischer “Wissenschaft” ein Gegensatz wie – etwas vereinfacht gesagt – der zwischen Praxis und Theorie. Wie es aber möglich ist, Astrologie und Magie zu einer eigentlichen “Verquickung” zu führen, zeigt sich bei Marsilio Ficino (1433-1499). Ficino, eine herausragende Gelehrtengestalt der Renaissance, entwickelte neben seinem vielseitigen Wirken als Kommentator und Übersetzer antiker Literatur (u.a. der alexandrinischen Hermetik) eine eigene Astralmagie. Es gibt dazu einen interessanten Artikel von Angela Voss, in dem dargelegt wird, wie Ficino der kommerziellen Astrologie seiner Zeit eine Astrologie entgegensetzte, in der die Sterne und Planeten nicht mehr als einfache Wirkursachen betrachtet wurden, sondern als Symbole, in denen sich die Verbundenheit der menschlichen Seele mit der Weltordnung widerspiegelt. Astrologische Erkenntnis bedeutete für Ficino die Fähigkeit und im besonderen das Verlangen des Einzelnen, sich mit bestimmten Ritualen in den kosmischen Reigen einzustimmen und den menschlichen Geist mit dem planetarischen in Einklang zu bringen wie “zwei Saiten einer Laute”. Die Astrologie Ficinos diente dazu, die menschliche Seele dahin zu bringen, sich von den Begrenzungen eines “materialistischen Bewusstseins” (eines astrologischen Determinismus) zu befreien und sich selbst als ein “Abbild Gottes” zu begreifen. Für Marsilio Ficino war die Astrologie ein Werk zur Vergeistigung der menschlichen Seele: Magie.

Sunfoot

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Das Faivre-Paradigma und die Astrologie (1)

92 Tage zuvor

Das erste Kriterium einer esoterischen Denkform ist, nach Faivres Methode, der Grundgedanke der universalen Entsprechung(“correspondance”) der Dinge. Zwischen allen Teilen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt existieren symbolische Verbindungen, die – wie Faivre betont – als wirklich (“bien réelles”) betrachtet werden. Er zitiert die wohlbekannte Formel des Hermes Trismegistos (“wie oben so unten, wie unten so oben”) und fährt fort:

Man findet hier die uralte Idee des Mikrokosmos und Makrokosmos wieder, oder, wenn man so will, das Prinzip der universalen Wechselbeziehungen. Man hält dafür, dass diese Korrespondenzen auf den ersten Blick mehr oder weniger verborgen bleiben und folglich dazu bestimmt sind, gelesen und entziffert zu werden. Das gesamte Universum ist ein einziger grosser Schauplatz der wechselseitigen Abspiegelung, eine Welt von Hieroglyphen, die uns zur Entschlüsselung aufgegeben sind. Alles ist Zeichen, nichts gibt es, das nicht ein Mysterium in sich beschlösse oder eine Vorahnung davon erweckte. Ein jeder Gegenstand birgt ein Geheimnis in sich” (Antoine Faivre: Esoterik im Überblick, Freiburg 2001, S.24)

Faivre weist selbst auf die Bedeutung hin, die der Astrologie bei dieser Komponente esoterischen Denkens zukommt. Denn die Lehre der Entsprechung ist nicht nur für die Esoterik im ganzen, sondern gerade auch für die Astrologie fundamental. Der Grund dazu liegt nahe. Die Formel der Tabula Smaragdina ist — wie Valentin Tomberg in seinen Meditiationen zum Tarot hervorhebt — die “Formel der Analogie, für alles was im Raum existiert”. Die ihr innewohnende –topologische Symbolik_, die “Entsprechungen zwischen den Urbildern oben und ihren Manifestationen unten”, scheint wie für die Astrologie geschaffen zu sein. Die kleine Welt auf Erden ist ein Spiegel der grossen Welt im Himmel.

Die Formel aus der Tabula Smaragdina wird oft nicht zu Ende zitiert. Das Oben wird mit dem Unten in ein Verhältnis gesetzt, um – wie es abschliessend heisst – “das Wunder der Einheit zu vollbringen”, “ad perpetrando miracula Rei Unius”. Für das Verständnis der Lehre der Entsprechung ist das nicht unwesentlich, denn offenbar liegt deren Finalität darin, die Grundeinheit der Welt in ihrer Mannigfaltigket aufzuzeigen. Und genau das ist der anagogische Sinn jedes Symbols, seine “aufschliessende Kraft” (Goethe). Jedes Symbol zielt letztendlich auf das “Eine”, wie immer man auch diese Einheit nennen mag: Urgrund, Gott … Denn wie gesagt: die Entsprechungen sind symbolisch zu verstehen. Sie sind im eigentlichen Sinn des Wortes “sinnbildlich” d.h. sinn-bildend, sinn-stiftend, und das ist wohl auch der Grund, warum Faivre auf ihre “Wirklichkeit” verweist (“bien réelles”). Aus dem Grundgedanken einer allseitigen Entsprechung heraus kann jedes Ding in ein Verhältnis zu einer höheren Ebene gesetzt werden, das heisst die höhere Ebene ist im Ding “symbolisiert”: der Planet Mars ist ein “Himmelskörper” im naturwissenschaftlichen Sinne, aber er ist auch Hinweis auf eine höhere Instanz und zugleich ihr Ausdruck (wobei “Ausdruck” in keinem Fall mit “Einfluss” gleichgesetzt werden darf: der kausale Irrtum der modernen Schule der wissenschaftlichen Astrologie).

Man kann sich fragen, warum im Mittelalter die Astrologie nicht als Esoterik betrachtet wurde, sondern im Gegenteil als “Königin der Wissenschaft”, als “natürliche Theologie”, ihren festen Platz neben der Mathematik, Medizin und Philosophie hatte. Die Antwort fällt leicht, wenn man bedenkt, dass der Grundgedanke der universalen Entsprechung, die analoge Denkform, nicht nur ein esoterisches Prinzip ist, sondern gerade auch in der Theologie, spekulativen Philosophie und Metaphysik des Mittelalters ihren Platz und ihre Anwedung hatte. An der Formel “wie oben so unten” wurde noch nicht gezweifelt. Der Raum war noch nicht absolut gesetzt, leer, und musste noch nicht mit absurden “planetarischen Strahlungen” gefüllt werden.

Die Astrologie hat in diesem ersten Faivre’schen Kriterium seine Grundlage. Aber da im Vergleich zur heutigen Theologie und Philosophie (ganz zu schweigen von der Naturwissenschaft) allein die moderne Astrologie als hermetisch-esoterische Disziplin betrachtet wird, muss sie wohl noch weitere Kriterien des Faivre-Paradigma erfüllen. Bis auf weiteres …

Sunfoot

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Astrologie als Esoterik

95 Tage zuvor

Es ist das Dilemma der modernen Astrologie, dass ihr zum einen, aufgrund ihrer klassisch-mechanistischen Methode, der Nimbus einer alten "Naturwissenschaft" anhaftet und sie zum anderen einen festen, wenn nicht schon fast zentralen Platz im gesellschaftlichen Diskurs rund um den inflationären Begriff "Esoterik" hat. Einerseits verlockt der naturwissenschaftliche Nimbus die Astrologen dazu, noch dem kleinsten Asteroiden und Planetoiden einen "kosmischen" und "symbolischen" Sinn abzuringen und so die Nähe einer Wissenschaft aufzusuchen, von der sie selbst doch mit Vehemenz ausgegrenzt werden, im Sinne einer partnerschaftlichen Kollusion ohne Ausgang. Andererseits ist sich die Astrologie bewusst, dass sie selbst keine Wissenschaft im modernen Sinne des Wortes sein kann, wie Niehenke das richtig sieht (in: Astrologie, ein altes Menscheitswissen). Man könnte die Astrologie vielleicht als "Vor-Wissenschaft" bezeichnen oder eben als "esoterische Wissenschaft", wenn letztere Bezeichnung nicht an und für sich schon wieder widersprüchlich wäre. Das Dilemma löst sich, wenn sich die Astrologie von ihrer Nähe zur Naturwissenschaft verabschiedet und den Standpunkt reiner Esoterik einnimmt.

Man kann den Begriff "Esoterik" auslegen wie man will, als breit angelegte, wild wuchernde kulturelle Erzählung oder als klar definierte Denkform: die Astrologie nimmt einen gewichtigen Teil in diesem Diskurs ein. Er besticht zuweilen durch grosse intellektuelle Redlichkeit und Hingabe, fällt aber auch immer wieder in eine mehr oder weniger undifferenzierte Teilnahme an der gewaltigen mythischen Überlieferung, die zuweilen bizarre Blüten treibt und oft zum sinnentleerten Marktgeschrei verkommt. (Was mich betrifft, so nehme ich Teil an den verschiedenen Formen des Diskurses, werde aber zumindest das letztere (!) in meinem Blog vermeiden.)

PS: Wer die Astrologie als Esoterik beschreiben will, tut gut daran, sie an den sechs Kriterien zu prüfen, wie sie Antoine Faivre in seiner methodischen Annäherung an die abendländische Esoterik aufgestellt hat. Ich werde in einem weiteren Post auf das sogenannte Faivre-Paradigma eingehen und es mit der Astrologie in Beziehung setzen.

Sunfoot

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Der Zodiak von Vézelay

102 Tage zuvor

Die gotischen Kathedralen und die Kirchenbauten der Romanik sind bekannt für ihre reiche Symbolik, die neben der reinen Verkündigung der christlichen Heilslehre auch den mythischen Fluss der “weltlichen” Überlieferung berücksichtigt, unter anderem die Astrologie. Ein Beispiel bietet uns ein bedeutendes Werk romanischer Bildhauerkunst: das Tympanon der Basilika St. Madeleine von Vézelay im Burgund.

Christus in der Mitte spendet mit ausgebreiteten Händen den Jüngern auf seinen beiden Seiten den Segen. Es ist dies die Darstellung des “Pfingstwunders”. Rund um diese Szene befindet sich eine erste Bogenrundung von kleineren Figuren in acht Gruppen (die oberste um das Haupt Christi — nur nebenbei — von hundsköpfiger Gestalt): es sind dies die Völkerschaften, denen von den Aposteln das Evangelium verkündet wird. Der nächste Bogen aber mit seinen 29 rosettenförmigen Darstellungen interessiert uns hier besonders: In diesem Teil des Tympanons befinden sich, abwechselnd mit verschiedenen menschlichen Tätigkeiten und Allegorien zum Jahreskreis, die Medaillons der Zeichen des Tierkreises (auf der Abbildung unten sind diese farbig hervorgehoben).

Tympanon von Vézelay mit hervorgehobenem Zodiak
Tympanon von Vézelay mit hervorgehobenem Zodiak

Ein französisches Autorenpaar (G. Audebrand, I. Ravier), das sich dem Studium der traditionellen Astrologie widmet, hat in einem Artikel den Tierkeis von Vézelay auf eine eigenwillige und interessante Weise interpretiert, à la manière guénonienne. Ich will hier nicht im einzelnen auf ihre Arbeit eingehen und werde nur einen wesentlichen Punkt darin aufgreifen. Betrachten wir dafür zuerst einmal das Offensichtliche in der Symbolik dieses speziellen Tierkreises.

Die Anordnung des Tierkreises im Bogen ist auffällig. Er ist hier zweigeteilt in eine aufsteigende und absteigende Hälfte. Über dem Haupt des Christus befinden sich die Zeichen Krebs ♋ und Löwe ♌, — getrennt von drei Medaillons mit einer menschlichen und zwei anthropomorphen Gestalten (von den beiden Autoren werden sie mit dem “Schicksalsrad” in Verbindung gebracht)—, und an den beiden unteren Enden die Zeichen Wassermann ♒ und Steinbock ♑ (beim letzteren wäre das alte Wort Ziegenfisch angebracht). Die Zeichen des Sommers oben, die Zeichen des Winters unten. Durch diese Teilung des Zodiaks kommt der Sonnenwende im Winter und Sommer eine Bedeutung zu, die sich etwas lapidar so erklären liesse:

Der Kreislauf der Sonne ist ein Kreislauf in die Dunkelheit der Unterwelt (das Sterbenmüssen) und in das Lichtreich der Oberwelt (das Geborenwerden).

Um dem nachzugehen , ist ein kleiner Exkurs in das vonnöten, was von den heutigen Vertretern der philosophia perennis gern als “Uroffenbarung” herangezogen wird: der Vedanta. In seiner eschatologischen Lehre wird die “göttliche Reise” des Selbst oder Gottwesens auf direkte Weise mit der Sonnenbahn im Jahrkreis in Verbindung gebracht. Es wird zwischen dem aufsteigenden und absteigenden Lauf der Sonne unterschieden, dem “hellen” und dem “dunklen” Pfad, von denen beiden uns die Baghavadgita (VIII, 23-26) berichtet:

Wann aber zur Nichtwiederkehr der Fromme kommt, sobald er stirbt,
Wann Wiederkehr sein Schicksal bleibt, das will ich nun verkünden dir:
Feuer, Licht, Tag, wachsender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne hoch,
Wenn dann ein Brahmankenner stirbt, dann geht er auch zu Brahman ein.
Rauch und Nacht und schwindender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne tief,
Da geht der Fromme zu dem Licht des Mondes und kehrt einst zurück.
Der helle und der dunkle Pfad, sie sind als ewige bekannt,
Einer führt zur Nichtwiederkehr, auf dem andern kehrt man zurück.

Der aufsteigende Lauf der Sonne ist als sogenannter “Götterweg” überliefert (Devayana). Die Sommerwende ist der Punkt, wo der Aufstieg der Sonne endet und sie “hoch” steht. Hier ist der Ort des Eintritts in den “Himmel”, die “Himmelspforte” (Janua Coeli), wie dieser Ort in der abendländischen Tradition genannt wird. Dass an dieser Stelle die Tierkreiszeichen, Löwe ♌ und Krebs ♋, stehen, ist naheliegend, wenn man bedenkt, dass ihnen die beiden Lichter, Sonne und Mond, zugeschrieben werden. In den Lichtmythen der Religionen spielen sie eine zentrale Rolle. Die “Unbesiegte Sonne” am Himmel, der sol invictus, ist ein Held, der im Kampf gegen die Mächte der Finsternis siegreich hervorgeht. Aber auch der Mond ist ein Held, ein “Grosser Held”, wie er in den babylonischen Hymnen angerufen wird. Das Licht dieser beiden Gestirne ist der Sieg über das Feindliche, es ist das Heil des Menschen.
Dass auch der christlichen Überlieferung nach — wir stehen hier schliesslich in einem christlichen Heiligtum — der Mond und die Sonne “Träger und Bilder eines grossen Mysteriums” sind, weist Hugo Rahner in seiner Schrift “Mysterium Lunae” (in: Symbole der Kirche, Salzburg, 1964, 92f.) nach. ç

Drei Hauptgedanken lassen sich (…) aus der Gedankenfülle der lunaren Kirchentheologie herauslösen, und sie gründen in der vom griechischen Geist erdachten Symbolik des himmlischen Geschehens zwischen Helios und Selene: Selene ist sterbend, zeugend, strahlend. Sterbend in der Finsternis der neumondlichen Begegnung mit dem Bräutigam, mütterlich lebenzeugend in ihrem aus dem Tod des Neumonds emporwachsenden Erleuchtetwerden, strahlend in ihrem immer wieder neu erreichten Vollmondglanz. An der Sichtbarkeit dieses himmlischen Lichtes und seines geheimnisvollen Geschicks, aus der Fülle der von Helios und Selene redenden hellenistischen Weisheit haben die Väter der Kirche ihren Geist entzündet und das in Helios und Selene sich abbildende Mysterium “Gott und Mensch” in seiner christlichen Einmaligkeit, das heisst in dem Mysterium “Christus und Kirche” dargestellt.

Die absteigende Folge des Tierkreises von der Sommerwende hin zur Winterwende ist dann der Abstieg der Sonne in die Nacht und Dunkelheit, der “Ahnenweg”( Pitriyana), wie er in den Veden genannt wird. Am tiefsten Punkt erreicht sie die “Höhlenpforte”, die Janua Inferni. Wir sind jetzt im Reich der Schatten, im Bereich Saturns, des klassischen “Hüters der Schwelle”. So erstaunt es nicht, dass die im Tympanon von Vézelay am unteren Teil des Bogens befindlichen Zeichen Wassermann ♒ und Steinbock ♑ überlieferungsgemäss sein Zuhause sind. Es ist dies die Zeit von Weihnachten, wenn der “periodische Heiland” in der “unteren Welt” neu geboren wird und dem Menschen am nächsten ist. Dann beginnt das Licht zu wachsen. Crescit Lux.

Sunfoot

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Krebs

110 Tage zuvor

Die beiden gegenläufigen Formen im Tierkreiszeichen Krebs ♋ erinnern, einzeln betrachtet, an Keimlinge.

Ein Keim ist im herkömmlichen Sinn die erste Anlage eines befruchteten Wesens, wie der Keimfleck im Ei. Die beiden Formen im Zeichen ♋ erscheinen denn auch wie zwei Embryone. Es geht hier also um etwas Entstehendes, Werdendes. Das Tierkreiszeichen Krebs ♋ bietet diesem entstehenden Wesen das Substrat; es ist die Fruchthülle, in der dieses sich gleichsam im "Embryonalzustand"  befindet;  es ist dessen Grund und zugleich dessen Stoff. Kurz: das Tierkreiszeichen Krebs ♋ ist der Ort, wo das Seiende (im individuell kleinen wie im kosmisch grossen) geschöpft wird und aufersteht. Als erstes oder kardinales Zeichen der zodiakalen Wasserdreiheit steht ♋ für die Tiefe und den Grund des Wassers (Guénons "fond des Eaux"), für die "Urwassertiefe", ja vielleicht für den  Urgrund schlechthin,  wo die Samen neuer Welten herankeimen (siehe den altindischen Mythos vom kosmischen Ei ).

Im Krebs ♋ ist nach einstimmiger Überlieferung der Mond in seinem Domizil; dort ist sein Heim. Es liegt darum nahe die letzte der neun planetarischen Sphären der Alten, den "Himmel des Mondes", mit dem Zeichen Krebs ♋ in Verbindung zu bringen. Dieser letzte "Himmel" aber, unter dem die sublunare, irdische Welt beginnt, ist die "Welt der Formgebung". Guénon setzt sie mit Jezirah, der dritten der vier kabbalistischen Welten, dem Wohnsitz der Engel, gleich. Es ist der Bereich, wo die Formen als Subtilleib gebildet werden, bevor sie ins Dasein kommen. Ist dies nicht auch der Bereich des mundus imaginalis ist, der Imaginalen Welt Henri Corbins,  dem  alam al-mithal, wo nach Ibn ‘Arabī "der Geist Körper und der Körper Geist wird"? Die Imaginale Welt ist die Welt der Seele und der Seelen. Es ist eine Art Zwischenwelt, deren Funktion "die mittlere und vermittelnde Stellung zwischen der intelligiblen und der sinnenfälligen Welt" ist.

Im Keimling formt sich ein neues Wesen. Dieses Wesen aber ist noch nicht in corpore sondern erst als Bild vorhanden,  als Geistleib. Dessen "Keimgrund" aber  — um in  der Sprache Corbins zu bleiben — ist die Himmelserde.

(Guénon, René: L’hiéroglyphe du Cancer. Voile d’Isis, 1931)

Sunfoot

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S-Strahlung! Vorsicht!

118 Tage zuvor

S-Strahlung nennt Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider in seiner Kontroverse mit dem Astrologen Niehenke die sogenannte "Schicksalsstrahlung". Schicksalsstrahlung? Wer von der  S-Strahlung noch nicht gehört hat, für den sei Kanitscheiders aufklärender Beitrag zur Lektüre empfohlen. Der Professor geht als staatsbeauftragter Philosoph der geistigen Wirkung von Neutrinos und anderen Partikularteilchen der Materie  nach. Er nennt diese Teilchen denn auch "Propagatorteilchen" der — und hier wird er genauer: — spirituellen (!) S-Strahlung. Wer aufmerksam ist, merkt:  der Mann versteht was von subtiler Ironie. Wie reagiert der Astrologe Niehenke auf diesen Jux? — Gelassen. Aber man spürt dessen Irritation über die argumentative Jonglierei des Gegners. Kanitscheider ist weniger ein kritischer Rationalist als ein Sophist.

Sunfoot

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